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Symbolbild eines leeren Namensschilds mit grünem Schlüsselband, das vor einem hellgrünen Hintergrund schwebt.

Barrierefrei

Barcamp Digitale Barrierefreiheit in Tübingen: Austausch statt Vortrag

Bei manchen Veranstaltungen weiß man genau, was einen erwartet: Vorträge, Folien, Kaffeepause, wieder Folien, und Tschüss. Beim Barcamp war es anders.

Wir waren beim Barcamp Digitale Barrierefreiheit in Tübingen zu Gast – und sind wieder mal begeistert zurückgekommen. Nicht nur wegen des Themas, sondern vor allem wegen des Formats: keine festen Referentinnen, kein starres Programm, kein klassisches „Wir sprechen, ihr hört zu“.

Stattdessen entsteht der Tag gemeinsam. Wer sein Thema mitgebracht hatte, stellte es morgens kurz vor, pitchte es vor der Gruppe und anschließend entscheiden die Teilnehmenden, welche Sessions sie besuchen möchten.

Das klingt vielleicht nach Chaos, war es aber nicht. Im Gegenteil: Genau dadurch entstand ein schöner Austausch. Fachlich, persönlich, technisch, menschlich – und auch oft wo dazwischen.

Blick von einem leeren Konferenzraum auf das sommerliche Tübingen

Barrierefreiheit ist mehr als ein Prüfbericht

Natürlich ging es um barrierefreie Dokumente, PDFs, Tools, Prüfprozesse und Automatisierung. Also genau unsere Themen bei der Satzkiste.

Aber das Barcamp hat sehr schön gezeigt: Digitale Barrierefreiheit ist kein Spezialthema für ein paar Expertinnen. Sie betrifft Gestaltung, Redaktion, Lektorat, Technik, Organisation, Öffentlichkeitsarbeit – und vor allem Menschen. 

Die Bandbreite der Sessions war entsprechend groß. Manche Beiträge waren ideal für den Einstieg ins Thema. Andere gingen tief in technische Workflows, KI-gestützte Tests oder barrierefreie Dokumentenprozesse hinein. 

Das Einzige, was schade war: Man konnte nicht überall gleichzeitig sein.

Project Octopus war auch dabei

Mein Kollege Christoph Steffens hat ebenfalls einen Slot reserviert und Project Octopus vorgestellt – unsere kostenlose Skriptsammlung für InDesign, unter anderem mit Hilfen für barrierefreie PDF-Workflows.

Project Octopus sammelt praktische InDesign-Skripte, die wiederkehrende Arbeitsschritte erleichtern. Gerade bei der Vorbereitung barrierefreier PDFs gibt es in InDesign einige Stellen, an denen man sonst an Grenzen stößt, oder viel Handarbeit investiert, oder sich mit kleinen Automatisierungen das Leben spürbar leichter macht.

Interne Umsetzung oder externe Unterstützung?

Eine Session, die besonders nah an unserem Arbeitsalltag lag, kam von Leon Renner. Er zeigte, welche drei Wege Unternehmen bei barrierefreien Dokumenten einschlagen können: individuelle Dokumente direkt bei der Erstellung barrierefrei umsetzen, standardisierte Dokumente in großen Mengen automatisiert verarbeiten oder vorhandene PDFs nachträglich barrierefrei aufbereiten.

Spannend war vor allem die wirtschaftliche Perspektive. Denn häufig wird bei barrierefreien PDFs zuerst über Softwarekosten gesprochen. Dabei liegt der eigentliche Kostenblock meist woanders: bei der Arbeitszeit.

Leon machte deutlich: Software ist oft nur ein kleiner Teil der Investition. Schulungen und Workshops fallen stärker ins Gewicht – der größte Anteil entsteht aber durch Personalzeit. Wer Mitarbeitende ohne passende Schulung, ohne geeignete Vorlagen und mit ungeeigneten Werkzeugen losschickt, spart meist nicht. Die Kosten werden nur weniger sichtbar.

Seine Empfehlung war deckungsgleich mit unseren Erfahrungswerten: Bei vielen regelmäßig erstellten Dokumenten lohnt es sich, durch Workshops und Schulungen intern Wissen aufzubauen, Vorlagen zu entwickeln und Mitarbeitende zu schulen. Bei komplexen Layouts, einzelnen Sonderfällen, knappen Kapazitäten oder Dokumenten, die unverändert bleiben müssen, kann externe Unterstützung der bessere Weg sein.

Also, Barrierefreiheit ist kein Entweder-oder. Entscheidend ist der passende Workflow für den konkreten Anwendungsfall.

Taub oder schwerhörig und hörend: Barrierefreiheit im Alltag

Eine ganz andere, aber total wichtige Perspektive brachten Stephanie Kaut und Rainer Pomplitz vom Cochlea Implantat Verband Baden Württemberg ein. Beide berichteten aus ihren Erfahrungen als taube bzw. schwerhörige Menschen.

Diese Session blieb mir hängen, weil sie ein Stück weit außerhalb der klassischen „digitale Barrierefreiheit“-Bubble lag und trotzdem voll ins Thema führte.

Es ging um Alltagssituationen, die hörende Menschen oft nicht als Herausforderung wahrnehmen: Familienfeiern, Videocalls, Konzerte, Veranstaltungen, Hintergrundgeräusche, das Gespräch im Büro. Der Cocktailparty-Effekt, also das Herausfiltern einzelner Stimmen aus einer lauten Umgebung, ist für viele Menschen mit Hörbeeinträchtigung eine enorme Herausforderung.

Ein Beispiel: Stephanie erzählte, dass sie beim WM Spiel am Abend zuvor beim Public Viewing bis zur Halbzeit ohne Untertitel kaum etwas verstanden hatte. Für hörende Menschen vielleicht eine Randnotiz. Für andere entscheidet so etwas darüber, ob sie wirklich teilhaben können oder nur physisch anwesend sind.

Auch Hilfsmittel wurden offen angesprochen: Cochlea-Implantate, Hörgeräte, Mikrofone, technische Unterstützung in Schule, am Arbeitsplatz oder in einer Hotelumgebung. Aber es ging nicht nur um Technik. Es ging auch um Haltung.

Nicht einfach von hinten an jemanden herantreten und losreden. Achtsam sein. Sich bemerkbar machen. Nachfragen. Angebote schaffen. Nicht aus falscher Rücksicht ausweichen, sondern offen kommunizieren.

Accessibility-Tests mit KI-Agenten

Die DATEV war mit einer spannenden Session vertreten. Stefanie Vogel zeigte, wie dort digitale Barrierefreiheit organisatorisch und technisch gedacht wird.

Besonders interessant war der Einblick in KI-gestützte Accessibility-Tests. Manuelle Tests sind enorm aufwendig, vor allem wenn unterschiedliche Browser, Bedienweisen und Nutzungsszenarien berücksichtigt werden müssen. Deshalb experimentiert die DATEV mit KI-Agenten, etwa zur Analyse der Tastaturnutzung.

Für unseren Satzkiste-Alltag war das nicht der direkteste Beitrag. Es wurde stellenweise etwas technisch und bewegte sich eher im Bereich Webentwicklung als im Bereich Dokumentenproduktion. Aber gerade das war spannend. Denn es zeigte, wohin sich Barrierefreiheit entwickelt: hin zu durchdachten Prozessen, in denen Menschen, Tools und Automatisierung zusammenspielen.

InkluDocs: Alternativtexte mit KI und menschlicher Prüfung

Sehr begeistert hat mich auch der Beitrag von Michael Karbe von Actino, der InkluDocs vorgestellt hat.

Das Tool erstellt KI-gestützt (mit Claude) Alternativtexte für Bilder – nicht nur für einzelne Bilddateien, sondern auch im Kontext von PDFs. Besonders spannend: Es bleibt nicht bei der reinen Textgenerierung. Die Alternativtexte können geprüft, kommentiert und an zuständige Redakteurinnen oder Kundinnen zur Validierung weitergegeben werden. Am Ende lässt sich ein Report ausgeben.

Total wichtig, denn gute Alternativtexte sind nicht einfach nur Bildbeschreibungen. Sie müssen zum Kontext passen und die relevante Information eines Bildes vermitteln.

Der Ansatz „KI hilft, Mensch prüft“ ist hier interessant gemacht. Die KI kann einen ersten Entwurf liefern. Die fachliche Verantwortung bleibt aber dort, wo sie hingehört: bei den Menschen, die Inhalt und Kontext verstehen.

InkluDocs ist aktuell kostenfrei nutzbar. Wer sich mit Alternativtexten beschäftigt, sollte sich das Tool auf jeden Fall einmal anschauen.

Und dann gabs noch Cookies

Ein besonders schöner Abschluss war der „Plätzchen-Talk“ mit Stefanie von den Satznachbarn.

Sie stellte kein fertiges Produkt vor, sondern ein Projekt mitten in der Entwicklung: ein Back- bzw. Kochbuch für blinde Menschen. Oder genauer: die Frage, wie ein gedrucktes Kochbuch für blinde Menschen sinnvoll gestaltet, produziert und genutzt werden kann.

Das war auch wieder kein starrer Vortrag, sondern ein gemeinsames Nachdenken: Welche Anforderungen gibt es? Wie muss ein Rezept aufgebaut sein? Welche Rolle spielen Seitenformat, Aufbau im Satzspiegel, QR Codes, Schrift und Gestaltung? Was ist technisch machbar? Was ist bezahlbar? Und was hilft am Ende wirklich?

Gerade diese Offenheit empfanden wir mutig und sympathisch. Sich mit einem unfertigen Herzensprojekt vor eine Gruppe zu stellen und Feedback einzuholen, ist nicht selbstverständlich. Aber genau dafür ist ein Barcamp offenbar der richtige Ort.

Barrierefreiheit lebt vom Austausch. Das ganze Thema wird erst rund, wenn Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven miteinander sprechen. Es ging nicht darum, ein Produkt zu verkaufen. Beim Barcamp in Tübingen kamen Dienstleister und Unternehmen, aber auch Menschen mit Behinderung, Entwicklerinnen, Redakteurinnen, Gestalterinnen und Neugierige zusammen. Genau diese Mischung hat den Tag stark gemacht. Solche Formate braucht es öfter.

Simon Christe